Jovan  Balov

 

Vom Entblössen dessen, was hinter der Oberfläche liegt

Jovan Balov – Portraits 2007 bis 2016

 

Jovan Balov ist ein analytischer und vielseitiger Zeichner und Maler, konzeptionell und realistisch arbeitender Künstler, der seine Wurzeln als Archäologe in seinen Arbeiten nicht verleugnen kann und will. Er hat nach einem Studium der Archäologie eine sorgfältige Ausbildung als Zeichner, Maler und Kunsthistoriker in seiner Heimatstadt Skopje in Makedonien und an der HdK, heute UdK Berlin, erfahren und stetig vervollkommnet.

Neben der künstlerischen Arbeit betreibt er einen Projektraum im Berliner Wedding, wo er alljährlich eine Vielzahl von Ausstellungen organisiert, kuratiert und präsentiert mit einem Schwerpunkt auf Künstler aus Süd-Ost-Europa.

Bis vor fast 10 Jahren hat er sich nahezu allen künstlerischen Genres gewidmet, hat konzeptionelle Grafik, Videos, Installationen, Collagen, realistische Zeichnungen und hyperrealistische Malerei produziert und auch mit Form und Farbe unterschiedlich experimentiert. Zudem hat er über kunsthistorische Themen – nicht zuletzt über Skulpturen aus der Periode der Klassik in Berlin – analytische künstlerische Arbeiten hergestellt.

In den letzten 10 Jahren wandte er sich unter reduzierter Beibehaltung aller seiner bisherigen künstlerischen Genres und Techniken wieder verstärkt der Malerei zu, vor allem der Portraitmalerei. So entstehen in zeitlicher Abfolge Serien von Gemälden, Acryl auf Leinwand in mittleren Formaten, meist zwischen 90 x 110 cm gross, nur einige wenige in grösseren Formaten.

Seine Portraits arrangiert Balov nicht nur, er erarbeitet sie über konzeptionelle Auseinandersetzungen mit den Persönlichkeiten. Indem er intensive Gespräche führt mit ihnen, bei denen Serien von Fotos entstehen, nähert er sich den Charakteren und dem, was er hinter der Oberfläche der jeweils zu portraitierenden Menschen freilegen will. Er versucht unter die Haut zu kommen und dabei auch zunächst verborgendes zum Vorschein zu bringen.

„Die menschliche Gestalt kann nicht bloss durch das Beschauen ihrer Oberfläche begriffen werden, man muss ihr Inneres entblössen, ihre Teile sondern, die Verbindungen derselben bemerken, die Verschiedenheiten kennen, sich von Wirkung und Gegenwirkung unterrichten, das Verborgene, Ruhende, das Fundament der Erscheinung sich einprägen, wenn man dasjenige wirklich schauen und nachahmen will, was sich als ein schönes, ungetrenntes Ganze in lebendigen Wellen vor unserm Auge bewegt.“ schrieb Johann Wolfgang von Goethe in der Einleitung zu seinen „Schriften zur Kunst“ bereits vor über 200 Jahren.

Diese Sätze Goethes gelten weiterhin insbesondere für jede Art von Portraits von Menschen. Ein Portrait soll über die reale Ähnlichkeit des Abgebildeten, das Wesen oder die Persönlichkeit des Portraitierten zum Ausdruck bringen, somit hinter der allgemeinen Wahrnehmung und Abbildung der Oberfläche das zeigen und erzählen, was hinter dieser Oberfläche steht. Es geht weniger um die objektive Dokumentation oder Typisierung des Abgebildeten, als um die Interpretation der Geschichte, die hinter dem steht, was da abgebildet wird. Ein guter Künstler vertieft sich in die Gestalt und deren Wesen, taucht in seine Geschichte ein, seziert wie ein Anatom seinen Gegenstand und deutet ihn subjektiv in seiner künstlerischen Arbeitsweise. Er verwandelt den Abgebildeten in mehrfacher Hinsicht, um ihm auf die Spur zu kommen, die Realitäten hinter dem Vordergründigen zu finden, ihn zu umkreisen und zu erkennen. Und dies gilt, seit die Fotografie über die Spiegelung der Oberfläche als eigenständige Kunstform hinaus reicht, inzwischen für alle künstlerischen Darstellungsformen, so wie es für die klassischen Medien Zeichnung, Malerei und Skulptur schon immer galt.

Wir leben in einer Zeit wechselnder Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit, der Eklektizismen, in der schon Belanglosigkeiten Aufmerksamkeit erhalten können, wenn sie denn nur gut verpackt sind. Heute wird durch blosse Kosmetik, Werbeästhetik und Propaganda mehr Schein statt Sein vermittelt und die Oberfläche, oftmals glatt poliert oder verspiegelt, be- und verhindert den Durchblick. Hier ist der Chronist und Analytiker gefragt, der hinter die Oberfläche schaut und der künstlerische Zeichen des Wirklichen durch die Suche nach dem, was hinter der Fassade und gegen die glitzernde Welt der alles beherrschenden Werbeästhetik steht, setzt und eben portraitiert.

Und genau dies, über das Oberflächliche hinaus zu schauen, versucht Jovan Balov. Zunächst indem er nach intensivem Kennenlernen seiner Protagonisten und den Fotos eine sorgfältige Auswahl trifft, die seine Eindrücke widerspiegeln, dann, indem er aus den ausgewählten Fotos verschiedene Querschnitte macht, unterschiedliche Hälften aus unterschiedlichen Fotos neu arrangiert und daraus ein neues Gesicht zusammen setzt. Die Stirnpartie mit den Haaren, Augenpartie, Nase und Ohren, Mund- und Kinnpartie und schliesslich der Halsansatz werden oftmals aus unterschiedlichen Abbildungen zusammen gesetzt oder gespiegelt, eine Gesichtshälfte lächend, die andere ernsthaft schauend oder je eine Gesichtspartie in eine unterschiedliche Richtung hin orientiert, werden zu einem neuen Ganzen kombiniert. Es ist der Methode ähnlich wie sie zur Gesichtserkennung bzw. Identifizierung von Kriminellen bei der Polizei für die Erstellung von Fahndungsfotos angewendet wird. Jovan Balov entwickelt so eine Art Collage der Charaktere als Vorlage für seine Malerei.

Im folgenden trägt er Acrylfarben nach ausgewählten farblichen Vorgaben mit dem Pinsel auf die Leinwand, geleitet vom Epidiaskop mit seinen fotografischen Vorlagen. Er erarbeitet hyperrealistische Portraits, deren Intention nicht die lebenstreue Nachbildung der Natur ist, sondern eine realistische Übersteigerung der Realität. Anders als im Fotorealismus, der zumeist über eine brilliante realistische Darstellung einfach nur schön sein will, stellt Jovan Balov in seinen hyperrealistischen Portraits durch geringfügig überspitzte Wirklichkeit die Frage nach dem Wesen der Dinge und der Portraitierten.

Schnell löst er sich von den nordamerikanischen Vorbildern des Hyperrealismus wie zum Beispiel von dem Fotorealisten Chuck Close. Es geht ihm weniger um die Übersteigerung des Realen, als um den Einsatz malerischer Mittel zur Herstellung von Charakterstudien mit persönlichem Hintergrund gemäss der Absicht, dass ein Portrait über die Darstellung körperlicher Ähnlichkeiten das Wesen und die Persönlichkeit des Portraitierten über die menschliche Mimik hinaus zum Ausdruck bringen sollte.

So hat er zu Beginn seines Entwicklungsprozesses um das Jahr 2008 ein Portrait seiner Tochter Anna Marija in monochromen Farben gesetzt. Die folgenden Portraits seiner Töchter Paula und Ena sowie die etwas kleinere Arbeit von Ena Kamenkovic, der Tochter eines Freundes, spielen mit den Farben von Braun zu Oker, Siena oder anderen erdigen Farbtönen.

In den Portraits seiner Eltern ab 2009 und seiner Frau Doroteja setzt er zudem die Auseinandersetzung mit der Perspektive in seinen Portraits fort, wodurch diese jeden Bezug zu der Ikonenmalerei, die Jovan Balov aus seiner Makedonischen Tradition bestens kennt, überwindet. Er spielt zudem mit verschiedenen Ansichten in den Portraits seiner Mutter und in seinen Selbstportraits, spiegelt Seiten etc. Das Spiel mit den Farben wie die Plastizität seiner Portraits über die genaue Anwendung der Perspektive treibt er schliesslich in seinen beiden Künstlerportraits des preussischen Bildhauers Christian Daniel Rauch aus dem 18. Jahrhundert und des gegenwärtigen Berliner Malers Wolfgang Petrick – beides 2010 - weiter, indem er Rottöne (Petrick) und Gelbtöne (Rauch) in die Monochromie hinein nimmt. Zusätzlich setzt Balov die Namen der beiden Künstler in Versalien an den oberen Bildrand, gleichsam als Zitat nach Hans Holbein dem Jüngeren, der in der Renaissance in London zahlreiche Adelsportraits geschaffen hat.

Dienten bei den bisherigen Arbeiten selbst hergestellte Fotos von lebenden Personen als Vorlagen für seine Malerei, so diente ihm für die Arbeit zu dem Bildhauer Rauch der klassische Gipsabguss einer Plastik als Vorlage, in die er seine eigenen Augen einmontierte. Das amorphe Material des Gipses gewinnt so eine eigentümliche Lebendigkeit, obschon beispielsweise die Struktur der Haare deutlich auf das tote Material einer Skulptur hinweisen. Dieses Spiel setzte Jovan Balov als nächstes mit einem Portrait von Karl Friedrich Schinkel nach Skulptur (2011) sowie mit Portraits von Johann Gottfried Schadow (2012) und Adolph Friedrich von Menzel (2013) unter dem Titel „With my Eyes“ (vorläufig?) fort.“

Er schreibt dazu selbst: „Für mich als Künstler, der seit über zwanzin Jahren in Berlin lebt und arbeitet und sich mit der Stadt auseinander setzt, steht die Analyse der vormaligen künstlerischen Szenen und ihrer bedeutensten Vertreter im Vordergrund meines Interesses.
Noch heute kann man in Berlin viele Skulpturen, Porträts und Bildnisse von bedeutenden Vertretern jener Kunstszenen des 18. und 19. jahrhunderts wahrnehmen oder entdecken. Oft porträtierten sich beispielsweise die bedeutenden Bildhauer gegenseitig, sodass wir heutzutage die Möglichkeit haben, zu sehen, wie diese Persönlichkeiten aussahen.
Es befinden sich Skulpturen im Stadtraum aus Bronze und Stein, sowie Gipskopien von Künstern wie u.a. Johann Gottfried Schadow, Christian Daniel Rauch, Karl Friedrich Schinkel, oder Reinhold Begas.

Seit einiger Zeit befasse ich mich mit der Entdeckung der Werke dieser Berliner und weiterer Künstler wie z.B. auch mit dem Maler Adolf Menzel. Während ich ihre Poträts und Werke analysierte, begann ich ihre inneren Inhalte und Botschaften zu verstehen und somit auch ihre Identität in der psychologischen Atmosphäre ihrer Werke. Das war für mich eine erste Motivation jene Skulpturen von Künstlerpersönlichkeiten selbst zu porträtieren. So machte ich mich zunächst auf die Suche nach Plastiken nach ihren Abbildern in Berlin und dokumentierte sie aus unterschiedlichen Perspektiven fotografisch. In diesen Fotos konnte ich bereits den Charakter der jeweils dargestellten Persönlichkeit spüren, doch wollte ich in meiner Malerei nicht nur ihren Charakter festhalten, sondern den Porträts ein neues Leben einhauchen.

Aus diesem Grund und da ich die Berliner Künstler des 18. und 19.Jahrhunderts nicht persönlich kennen und hinterfragen kann, entschied ich mich, ihnen eine zweite emotionale Ebene zu geben, indem ich ihnen echte Augen, meine eigenen Augen und somit auch eine emotionale Situation von mir, verliehen habe. Auf diese Weise gewannen jene bedeutenden Künstler und ihre Kunstwerke ein neues Augenlicht und können die heutige Welt nun symbolisch durch meine Augen wahrnehmen. In einem derartigen Konzept kehrt ihre historische Wichtigkeit und Rolle zurück und realisiert sich in der zeitgenössischen Kunst.

In den Jahren 2009/10 und 2013 malt Javon Balov einige Selbstportraits. Unter dem Titel „Ego sum, qui sum ...“ stellt er sich bartlos, mit Schnautzer und mit Vollbart und 2013 mit dem Titel „Like Adam“ mit stilisierter Barttracht dar. Auch hier sind die Arbeiten wieder monochrom in Brauntönen gemalt. Die Selbststilisierungen in den Gemälden werden zugleich zu Typisierungen, in dem er Rollen von heutigen Männern annimmt, vom Dandy (Like Adam) bis zum leicht machohaftem wechselnden Rollenspiel mit und ohne Bart (Ego sum,qui sum ...).

Bereits 2007 begann Jovan Balov mit Portraits von jungen Männern aus dem Wedding, seinem Berliner Wohn- und Arbeitsbezirk, den Werken „Lukas“ und „Simon“ in monochromen Grautönen, denen 2011 und 2012 die Auftragswerke „Das Gesicht der Deutschen  Hergart Fromberg“ „Christian Thomas Jügel sowie Gerhard Zimmerfolgten. Auch hier waren die Vorarbeiten und die Herausarbeitung der Charaktere in den monochromen Werken stets die gleichen wie vordem. Es entstanden zusammen mit einem Portrait seiner Tochter Ena aus dem Jahre 2009 beieindruckende Studien der portraitierten Persönlichkeiten.

2010 und 2014 widmete sich Jovan Balov zwei Künstler-Persönlichkeiten: dem Maler Wolfgang Petrick (2010) und dem Künstler, Schriftsteller und Soziologen Urs Jaeggi (2014). Neben den immer gleich intensiven Auseinandersetzungen mit den Persönlichkeiten fallen bei diesen Portraits besonders die Herausarbeitung von Details - Hautfalten bei Urs Jaeggi, Haare an Augen und auf dem Kopf bei Wolfgang Petrick - auf. Sie verstärken jeweils die Charakteristika der Persönlichkeiten, die Eigenwilligkeit bei Urs Jaeggi und die

besondere Aufmerksamkeit, die Wolfgang Petrick seinen Haaren widmet beispielsweise. Petrick ist auch im Alter von Mitte 70 immer noch auf seine Art und Weise ein Punk nicht nur als kreativer, von Jovan Balov bewunderter, Maler und das wird von diesem in seinem Gemälde auch zum Ausdruck gebracht.

Als vorläufig letzte Portraits hat Jovan Balov zwei Frauen als Auftragsarbeiten gemalt, „Jona" (2014) und „Bethina“ (2015) . Beide Arbeiten sind nach den bewährten Verfahren entstanden und zeigen jede auf besondere Art und Weise weibliche Charaktere; Jona, eine junge Frau mit leicht melancholischem Blick, Bethina, eine Frau „in den besten Jahren“ mit skeptischem Ausdruck, beide wiederum in Sepia-/Brauntönen gemalt.

Für mich sind die Portraits von Jovan Balov nicht realistische oder naturalistische Nachbildung, sondern ein künstlerisches Prinzip von ihm ist es die analytisch begründete Übersteigerung der Realität hinter den menschlichen Gesichtern frei zu legen. Sein Hyperrealismus tritt in den Portraits besonders hervor, indem er die Persönlichkeiten über ihre Vorlagen – Fotos, Skulpturen etc.– hinaus durch seine Maltechniken mit Leben erfüllt.

Es wäre für mich interessant zu sehen, ob und wann Jovan Balov über seine monochromen Ideen und Abstufungen in seinen Portraits und Gemälden einen Schritt in eine bewusste Farbigkeit wählen wird. Hier wäre eine neue Phase in seinem Schaffen zu erwarten, an die ich hohe künstlerische Erwartungen knüpfen könnte.

 

Rolf Külz-Mackenzie

September 2016

© beim Autor

Veröffentlichungen frei für Jovan Balov  

Berlin 2016