Jovan  Balov

Meta-Realitäten

Maria Lucia Weigel

 

Jovan Balov, gebürtiger Mazedonier und in Berlin lebend, ist auf internationaler Ebene nicht nur als Initiator und Organisator kultureller Austauschprogramme bekannt. Im eigenen künstlerischen Schaffen widmet er sich Fragen individueller und gesellschaftlicher Identität. In gemalten Porträts und Videoarbeiten begibt er sich auf die Suche nach dem Wesen des Menschen und der Natur gesellschaftlicher und politischer Systeme, die ja aus der dem Menschen eigenen Fähigkeit zu sozialer Selbststrukturierung erwachsen und damit Teil seines Wesens sind.

Der Ausstellungstitel Meta-Realitäten lässt sich auf den analytischen Ansatz beziehen, der dem gesamten Werk zugrunde liegt. Der scharfe, ordnende Blick des Künstlers und sein Gespür für historische Schärfentiefe sind geschult durch das parallele Studium der Archäologie an der Universität und der Malerei an der Fakultät der bildenden Künste in Skopje. Das Werk des Künstlers erwächst aus der bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie. Die politischen Umwälzungen nach dem Zerfall Jugoslawiens, die Behauptung von Deutungsmacht über die Geschichte seitens politischer Parteien mit totalitärem Anspruch, die Demonstrationen von Stärke mittels Machtsymbolen rücken in seinen Fokus. All dies spiegelt sich in den Videoarbeiten. Jovan Balov unterscheidet jedoch in seiner künstlerischen Intention nicht zwischen unterschiedlichen Werkgruppen. Eindringliche Porträts behaupten ihre Präsenz neben ornamental gestalteten Gardinen, Malereien auf Leinwand, die skulpturale Darstellungen von Sieg und Tod antiker Helden wiedergeben. Das Pathos der griechischen Bildwerke wird durch deren Übertragung in Malerei und die Einbettung in den neuen Kontext unterlaufen. Auch sie sind Teil eines investigativen Vorgehens. Videoarbeiten und Porträts können miteinander zu Installationen verbunden werden.

Porträtmalerei ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Bereits in der Antike folgten Künstler der Vorgabe, im gemalten Bildnis mit der Natur zu wetteifern, das Gegenüber so lebendig zu gestalten, dass der Betrachter die leibhaftige Gegenwart der dargestellten Person unmittelbar erleben konnte. Naturnähe galt seither als wichtigster Referenzpunkt für jegliche Wiedergabe menschlicher Physiognomie. Diese Auffassung begann sich erst am Ende des 19. Jahrhunderts zu wandeln, als die Fotografie die Funktion des Abbildens übernahm und der bildenden Kunst damit die Eroberung neuer Gestaltungsräume nahelegte. Immer wieder gab es jedoch Kunstrichtungen, die mit der Fotografie in Konkurrenz traten und diese gar noch zu übertreffen suchten. Der amerikanische Hyperrealismus, der für Jovan Balov zum Ausgangspunkt seiner gestalterischen Überlegungen wurde, spielt mit den Möglichkeiten der Fotografie. Stupende Detailgenauigkeit und Übersteigerung der haptischen Qualitäten von Haut und Kleidung, Accessoires und Umgebung kennzeichnen diesen Stil. Der Künstler verzichtet dabei vorgeblich auf eine eigene Interpretation des Gesehenen, er bildet Wirklichkeit so ab, wie sie objektiv zu existieren scheint. Hier setzt Jovan Balov an. Seine Porträts bilden nicht die Oberfläche ab, sie gehen vielmehr in die Tiefe. Mit den Mitteln der Fotografie, die dem Künstler als ein Hilfsmittel im Arbeitsprozess dient, legt er Schicht um Schicht der Persönlichkeiten frei, die sich hinter dem bloßen Abbild der von ihm Porträtierten verbergen.

Der Künstler hat einen persönlichen Bezug zu den Dargestellten, es sind Menschen aus seinem Umfeld. Stets nimmt Jovan Balov sie in knappem Brustbildformat in den Blick. Zum einen überwältigen die Bilder, weil sie die Abgebildeten überlebensgroß wiedergeben. Zum anderen verleiht das Erfassen in strenger Frontalität den Gestalten eine ikonenhafte, überzeitliche Anmutung. Gesteigert wird diese durch die subtile, nicht realen Verhältnissen entlehnte Lichtführung. Sie ist das Resultat eines gestalterischen Prozesses, den der Künstler als Metaprinzip bezeichnet. Jovan Balov fertigt eine Vielzahl von Fotografien der Personen an, die diese in unterschiedlichen emotionalen Zuständen zeigen. Sie entstehen während ausgedehnter Sitzungen in intensiven Gesprächen, in denen der Maler sich mit seinen Modellen auf kommunikativer Ebene auseinandersetzt. Dabei kommen verschiedene Lichtquellen zum Einsatz. In der computergestützten Zusammenschau von vier Fotografien, die der Künstler auswählt, sowie in Skizzen auf Papier lassen sich beispielsweise die Linienverläufe der Gesichtsmuskulatur im Detail studieren. Jovan Balov malt nicht nach Fotografien, er nutzt sie jedoch, um sich dem Wesen der Dargestellten zu nähern. Mit ihrer Hilfe erzeugt er ein Destillat der Persönlichkeit, das nicht dem Prinzip der Perfektion folgt, sondern das Unvollkommene als Ausdruck des Individuellen sieht. Dieses wird im Studium der zugrundeliegenden Fotografien vertieft und bildet die Essenz der Person, die den Künstler fasziniert. Die Idee des Nicht-Perfekten spiegelt sich in der Faktur der Bilder. Nicht Ölfarbe gelangt hier zum Einsatz, mit deren Hilfe Inkarnat und Stofflichkeiten in unmerklichen chromatischen Übergängen, in Lasuren und Brillanz augentäuschend zur Geltung gebracht werden könnten. Der Maler wählt schnell trocknende Acrylfarbe, die sich nicht in einem der Ölfarbe vergleichbaren Maß fein vermalen lässt. Die Struktur der Pinselführung bleibt erhalten und macht dem Betrachter deutlich, dass es sich um Malerei handelt. In Abkehr von den stilistischen Mitteln des Hyperrealismus thematisiert der Maler damit das Medium, in welchem er sich ausdrückt, und bringt sich damit als Schöpfer ein, dessen Hand das Werk entstammt.

Selbst in der Wahl des Sujets tritt dieser programmatische Schritt zutage. Wolfgang Petrick, selbst Künstler und Mitbegründer der ersten Produzentengalerie in Deutschland, der Berliner Ausstellungsgemeinschaft „Großgörschen 35“, ist Jovan Balov zu einem wichtigen Austauschpartner geworden. Der von Petrick entwickelte Kritische Realismus in der Malerei unterzieht nicht nur abstrakte Positionen einer künstlerischen Überprüfung, sondern befragt sämtliche künstlerische Äußerungen auf ihre gesellschaftlich wirksamen Komponenten hin. So werden Kunstbetrieb und gesellschaftliche Wirklichkeit thematisiert – Aspekte, die sich im Werk von Jovan Balov als tragende Ideen erweisen. Petrick saß dem Maler ebenso Modell wie der Schweizer Urs Jaeggi, einer der wenigen in Mazedonien bekannten linksgerichteten Soziologen westlicher Herkunft. Jaeggi, so berichtete mir Jovan Balov in unserem Vorgespräch, war nach langen Fotositzungen ermüdet. Der Künstler versuchte, ihn noch zu etwas Geduld zu bewegen und wurde dafür mit einem abwehrenden Ausruf bedacht. Dieser Moment wurde für Balov zum Auslöser der bildlichen Auseinandersetzung. Die Stellung des Mundes ist im Augenblick der Formulierung der Abfuhr fotografisch festgehalten, sie geht in die gemalte Darstellung ein und wird zu dem das Bild bestimmenden Ausdrucksträger. Das Lineament des von Falten zerfurchten Gesichtes wird durch die Lichtführung akzentuiert. Jovan Balov arbeitet nicht mit Schlagschatten, die die Darstellung dramatisch überhöhen. Vielmehr modelliert er Partie für Partie der Gesichtslandschaft heraus, indem er jeden Bereich allseitig ausleuchtet und die Lichter jeweils derart setzt, dass sowohl das Volumen als auch die Binnenzeichnung optimal zur Geltung kommen.

In anderen Porträts scheinen weitere gestalterische Strategien auf. Die Spiegelung von Gesichtspartien oder die Zusammenstellung der Gesichtshälften aus unterschiedlichen Fotos lassen die Resultate, nach denen die gemalten Bildnisse entstehen, als Collagen erscheinen, in deren Teilen jeweils Charakteristisches in seiner höchsten Ausdruckskraft erfasst ist.

Jovan Balov dient auch das eigene Abbild zur Grundlage künstlerisch-konzeptioneller Auseinandersetzung. Drei Jahre arbeitete er an einem Selbstporträt, das den Titel Facies mea faciem larva (Mein Gesicht – dem Gesicht eine Maske) trägt. Ebenso frontal erfasst wie andere Modelle, präsentiert sich der Künstler hier mit einem gepflegten, sehr charakteristischen Bart – den er sich nach der Eröffnung der Ausstellung, in der das Bild gezeigt wurde, sogleich abrasierte. In einem symbolischen Akt legte er die Maske ab. Pointiert formuliert es der Maler selbst im Hinblick auf sein Porträtschaffen: „Das Gesicht ist unsere Maske“. Er bringt damit zugleich den Wunsch zum Ausdruck, im Prozess künstlerischer Annäherung einerseits die Maske zum Kondensat des inneren Wesens werden zu lassen, andererseits jedoch unter die Haut zu dringen, um dieses Wesen unverstellt sehen und im kreativen Transformationsprozess zutage fördern zu können.

Der Mensch geht wesenhaft in die von ihm gestalteten gesellschaftlichen Strukturen ein und wird von diesen wiederum geprägt. In seinen filmischen Arbeiten – auch sie durch die eigene Biographie geprägt – kommt Jovan Balov dem Menschen hinter den Machtstrukturen auf die Spur. Der zerfallende Vielvölkerstaat Jugoslawien legte die Mechanismen des Machterhalts ebenso offen wie er die Krise offenbar werden ließ, die sich aus dem Systemwechsel ergab. In der Videoarbeit Final Countdown legt der Künstler selbst unter Einspielung einer Endlosschleife rhythmisierter Verkehrsgeräusche einen Fußweg über die wichtigste, mäßig befahrene Brücke zwischen Europa und dem Balkan zurück, um an deren Scheitelpunkt eine Flagge der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien zu präsentieren, sie letztendlich unter den Klängen der jugoslawischen Nationalhymne in die Fluten der unter der Brücke dahinströmenden Donau gleiten zu lassen und zuzusehen, wie sie im Wasser versinkt. Die symbolhafte Performance entfaltet ihren Hintersinn in der Bezugnahme auf die Nationalsymbole des untergegangenen Staates. In der Ernsthaftigkeit des Handlungsvollzugs liegt Subversion, ebenso wie in der Indienstnahme der staatlichen Hoheitszeichen für einen Akt der Vernichtung. Dieser aber lässt einen Menschen ohne Heimatland zurück.

Auch in anderen Videoarbeiten verwendet Jovan Balov Verweise auf Machstrukturen, denen hohe Symbolkraft eignet. Der Aspekt der Ironisierung, der in ihrem Gebrauch hin und wieder aufscheint, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frage nach dem Gelingen einer neu zu schaffenden Identität unbeantwortet bleibt und vielleicht erst in der Rückschau auf das gelebte Leben Klärung finden wird. Bis dahin stellt sie der Künstler eindringlich immer wieder aufs Neue.