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“Zeit (Time)”, 08:47 min. 2007

camera: Jovan Balov, sound: “Taratur”, acter: Jürgen Nafti, text: Wolfgang Klein

editing: Jovan Balov

production: Prima Center Berlin

  

 

„Zeit“, (2007 Berlin, Video, 8:57 Minuten), Elektronisch verfremdet klackern Schritte auf Stufen, einem Metronom - einem akustischen Taktzeitmesser - gleich, gleichförmig. Im Bild erscheint das oberste Segment der Berliner Siegessäule mit dem goldenen Engel oben auf, in der Sicht von unten nach oben. Wolkenfetzen ziehen von links nach rechts vorüber wie im Zeitraffer.

In der nächsten Einstellung ist der Bildschirm geteilt, links ein Schnitt aus einer Figurengruppe des Völkerschlachtdenkmals von Leipzig, rechts das Gesicht eines sprachgeschulten Schauspielers von vorne frontal, der einen Text liest. Der Ton ist hallig und ein elektronischer Brummton ist unterlegt. Während die Kamera den Ausschnitt der Figurengruppe – die sogenannten Totenwächter des national konnotierten Denkmals in rotem Sandstein – langsam tastend abfährt, ohne dass sich der Ausschnitt wesentlich verändert, bleibt die Kamera im rechten Teil des Bildes frontal auf den Kopf des Lesenden gerichtet. Dieser rezitiert aus einem Text von Wolfgang Klein, einem Freund von Jovan Balov. Er ist ein praktizierender Buddhist und Deutscher des Jahrgangs 1934. Er hat Gedanken aus seiner Schulzeit in der NS-Zeit, aus dem Jahr 1943, niedergeschrieben, Erinnerungen an die Zeittakte zwischen Aufstehen, Schulweg, Schulstunden, Pausen und an die Rhythmisierung seines Alltags in der frühen Kindheit.

 

Es folgen Einstellungswechsel in hartem Schnitt: zu sehen ist der obere Teil der Siegessäule wiederum von unten, diesmal eingeklemmt zwischen die Rampenseiten des Unterbaues der Säule, den Hitlers Architekt Albert Speer geplant hat. Der Sprecher steigt nach oben, die Kamera filmt ihn von hinten, begleitet von Strassengeräuschen, um nach einem Schnitt frontal den Darsteller aus dem steinern gefassten Untergrund gehend auf die Kamera hin zu zeigen. Im Hintergrund ist der Verkehr am Grossen Stern und der Strasse des 17. Juni in Berlin zu sehen. Nach einem weiteren Schnitt geht der Darsteller , diesmal wiederum von hinten aufgenommen, in den Aufgang zur Siegessäule hinein. Die Basisfront mit eisernen Friesen ist dabei zu sehen.

 

Der gesplittete Bildschirm hat fortan im Wechsel den Aufstieg im Treppenhaus der Siegessäule ins Blickfeld, mit jeweils im Seitenwechsel Aufnahmen von den Wächterfiguren des Völkerschlachtdenkmals.  Der Schauspieler ist mal rezitierend links oder rechts gezeigt, mal frontal von vorne, mal im Seitenprofil von links oder rechts, immer zur Mitte hin blickend. Das Treppenhaus ist üppig mit den heute üblichen Graffitis, Kritzeleien und Schmierereien übersät. Der Putz ist alt und beschädigt. Die Wächterfiguren werden jeweils mit unterschiedlichen ruhigen Schwenks  abgefilmt, sie werden von Mal zu Mal grösser in ihrem Ausschnitt.

Dem Aufstieg mit Stimmen und Besuchergeräuschen im Treppenhaus folgen die fortlaufenden Rezitationen des Textes.

 

Schliesslich endet der Gang des Schauspielers durch das Treppenhaus bis er, begleitet von dem Ton des metronomischen Klackern, welches schon den Anfang des Films bestimmte, zur Aussichtsplattform austritt. Er umrundet die Plattform und die Kamera erfasst den Blick auf die Stadt und folgt sodann dem Blick des Schauspielers nach oben, über die mit Kritzeleien versehene und mit Putzschäden übersäte  Betonbasis auf die vergoldete Engelfigur auf der Spitze der Siegessäule. Der Blick geht dabei aus den Sicherheitsgittern der Plattform, wie aus einem Käfig. Die Kamera fährt die Figur nach oben hin langsam ab.

 

Der Schauspieler schliesst seine Rezitation mit den Worten „mit sich allein.“, die er zweimal wiederholt aus dem letzten Satz von Wolfgang Klein. Er ist diesmal links frontal zur Kamera im Bild und im Gegensatz zu seinem bisherigen Vortrag wird seine Mimik ausdrucksvoll und bedeutend wird die Betonung der letzten Satzstelle. Im linken Bildteil fährt die Kamera über eine Monumentalplastische Darstellung eines martialisch gerüsteten Michael, Symbol für das „wehrhafte“ Deutschland, nach oben.

 

Es folgt in der letzten Einstellung der geschriebene Text eines kurzen Gedichtes von Klein, weiss auf schwarzem Grund:

Hast Du noch viele Ziele, / enteilt die Zeit / Dir stetes im Rückblick.

Hast Du die Lebensmitte / Überschritten, da geht sie hin, die Zeit.

Im Alter zieht sie sich / am Ende.

Der Text ist gezeichnet mit „Wolfgang Klein 12.03.2005 Berlin“

Dem Gedicht ist Musik unterlegt. Sie beginnt im Übergang von dem Klakkern, das im Hintergrund bleibt, mit melodischem Geigenspiel, geht sodann über in eine kurze Punkpassage mit hartem Beat und Gitarrenriff. Eine Tochter von Jovan Balov spielt sie mit ihrer Band. Es folgt der Abspann.

Den selbstreflexiven Text seines Freundes Wolfgang Klein zu dessen Kindheit im Jahre 1943, einer Kindheit unter dem Naziregime in Berlin, lässt Jovan Balov rezitieren durch einen Schauspieler, der auch die Siegessäule emporsteigt. Diese ist ein Monument aus dem Jahr 1873 in Erinnerung an die napoleonischen Befreiungskriege von 1813 und an die nationalistischen Kriege seit 1864 (Deutsch-Dänischer Krieg 1864, Deutscher Krieg gegen Österreich 1866, Deutsch-Französischer Krieg 1870/71), die den Weg Deutschlands in die grossen Weltkatastrophen des 1. und 2. Weltkrieges einleiteten. Ursprünglich vor dem Reichstag stehend, wurde sie mit einem neuen Unterbau von Albert Speer versehen in der NS-Zeit auf den heutigen Platz am Grossen Stern umgesetzt. Dieses Denkmal ergänzt er auf dem geteilten Bildschirm mit Aufnahmen vom Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Es ist dies das grösste Denkmal Europas, 1913 in Erinnerung an die Schlacht gegen Napoleon von 1813, als Nationales Monument kurz vor dem 1. Weltkrieg errichtet. Die vier 9,5 Meter hohen Statuen der Totenwächter in der Ruhmeshalle stellen Personifikationen der Tugenden dieser Schlacht (Tapferkeit, Glaubensstärke, Volkskraft, Opferbereitschaft) dar. Als Vorbilder der monumentalen Statuen dienten die altägyptischen Memnonsäulen bei Theben. Hitler nutzte das Denkmal intensiv und wählte es häufig als Tagungsort für seine Reden, wenn er in Leipzig war.

 

Sowohl zu Beginn wie am Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland eine radikale Ablehnung der antiken Kunst aus nationalistischen Motiven und eine Hinwendung zu vermeintlich "germanischen" Ausdrucksformen. Hierfür steht nicht zuletzt das Völkerschlachtdenkmal sowie für die während der Befreiungskriege entstandene völkisch-nationalistische Ideologie in Deutschland. Das Video trägt den Titel „Zeit“, Jovan Balov hätte auch „Deutsche Zeitenwenden – Zeitkontinuitäten“ wählen können.

 

 

Rolf Külz-Mackenzie

Berlin im Juni 2007