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„Dem Deutschen Volke,  Cyan – Magenta – Gelb“, Triptychon

 

 

jeweils Oberteil Malerei Acryl auf Leinwand, 200 x 160 cm

jeweils Basis Digitaldruck auf Fahnenseide,   100 x 160 cm

 

 

      

2007, Berlin, Neue Kunst Quartier, Kolonie Wedding

 

 

Da bricht ein junger Mann – Jovan Balov - aus einem „unbekannten“ Land in die (west-) europäische Welt auf, in den achtziger Jahren, nach Amsterdam und nach Berlin. Eigentlich wollte er nach Amerika, mit einem Stipendium, aber dies ist eine andere Geschichte von realsozialistischen Intrigen etc. Das Land seines Aufbruchs ist Mazedonien - manch einer denkt gar an Südamerika bei diesem Land, andere nur an Balkan oder an Asien, wenige an Alexander den Grossen oder an Jugoslawien. Dabei liegt dieses Land mitten im alten Europa, zwischen Griechenland, Bulgarien, Serbien, Montenegro und Albanien. Es hat eine Geschichte mit dem antiken Griechenland, mit Rom und Byzanz, mit dem Illyrern und Thrakern, mit slawischen Stämmen unter römischer wie osmanischer Herrschaft. Die Hauptstadt Skopje ist eine römische Gründung, die heutige Bevölkerung eine besondere europäische Mischung: mazedonische Slawen orthodoxer (Mehrheit) oder muslimischer Religion oder auch Areligiöse, Türken, Griechen und Albaner, Bulgaren, Serben, Bosniaken, Kroaten, Rumänen und Valachen, Sinti und Roma, Juden und was der Balkan sonst noch so bietet an Ethnien, Volksgruppen und Kulturen, und zuletzt noch zugewanderte Albaner aus dem Kosovo nach dem dortigen Krieg Ende des zwanzigsten Jahrhunderts.

      

All diese Geschichte und Geschichten aus der Mitte Europas im Kopf, verbunden mit den persönlichen Familiengeschichten bilden den Boden, ein Fundament, für die Untersuchungen und die Beweggründe Jovan Balovs für seine künstlerische Arbeit, die nie nur Kunst, sondern gerade auch kulturelle und künstlerische Arbeit  ist. Seine Methoden sind die der künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem kommunikativen Gedächtnis, seine Gegenstände sind die Mythen und Symbole und deren Manifestierung in den Denkmälern, den Skulpturen im urbanen Raum oder in der Landschaft. Seine künstlerischen Mittel sind Malerei, Zeichnung, Fotografie, Video- und Konzeptkunst und alles miteinander bis hin zur Inszenierung.

 

Gewiss spielt bei den Themen und den Untersuchungen von Jovan Balov auch eine Rolle, dass gerade seine Heimatstadt Skopje so wenige architektonische Spuren ihrer Entstehungs- und Ereignisgeschichte konservieren konnte: eine steinerne Brücke über den die Stadt teilenden Fluss Vardar, ein paar Spuren aus der osmanischen Zeit wie türkische Bäder, Hotels oder eine alte Moschee, eine Festung über der Stadt, orthodoxe Kirchen und Klöster. Wenige Häuser aus den letzten Jahrhunderten sind im Zentrum stehen geblieben, nachdem 1963 ein furchtbares Erdbeben die Stadt heimgesucht und zerstört hatte, die bereits schon einmal 518 von einem zerstörerischen Erdbeben getroffen worden war. Der alte Bahnhof gibt Zeugnis von dem Beben von 1963, ein Teil ist erhalten – jetzt Teil des Stadtmuseums - , ein anderer Teil ist nur noch eine Ruine und ist zum Erinnerungsmal an das Erdbeben geworden.

 

Das heutige Zentrum ist eine Mischung vor allem aus den Betonarchitekturen der sozialistischen Ära des titoistischen Jugoslawien, einer Zeit, in der Skopje wieder nach dem Beben eine blühende Stadt wurde, mit Museen, Kultureinrichtungen und Hochschulen beispielsweise. Mazedonien war seinerzeit das Zentrum der Agrarindustrie Jugoslawiens. Einige heroische Mahnmale an den Partisanenkampf sowie einige Plastiken und Skulpturengruppen sozialistischer Moderne stehen in der Stadt. Seit einigen Jahren, nachdem Mazedonien zum Ende Jugoslawiens eine eigenständige Republik geworden ist, steht ein riesiges Kreuz auf einem Berg über der Stadt, nachts goldstrahlend illuminiert. Ausser an sakralen Bauten sind nur wenige traditionelle Symbole und historisch gebundene Ikonografien im Stadtbild von Skopje sichtbar geblieben. Dies, obwohl das Land reich an Mythen und Erinnerungen sowie an Geschichte ist.

 

Jovan Balov ist seit den späten Achtziger Jahren in Berlin sesshaft geworden. Hier waren schon einmal ein Urgrossvater zum Handeln und weitere Vorfahren zu Gast gewesen. In dieser Stadt im Umbruch – vor allem seit dem Fall der Mauer - trifft er auf die Spuren der deutschen Geschichte der Neuzeit überall im Stadtbild. Dies auch, obwohl die deutsche Hauptstadt im zweiten Weltkrieg grosse Zerstörungen hatte. Auf seinen Spaziergängen durch Berlin, bei der Wahrnehmung der Stadt, in der er zwischen Anonymität und neuen Bekanntschaften sehr schnell angekommen ist, aus Skopje, der Stadt, in der er bekannt ist „wie ein bunter Hund“, stösst er buchstäblich mit den Augen und den Füssen auf die Zeugnisse der wechselhaften Deutschen Reichsgeschichte.

 

Es sind Gebäude wie der Reichstag, die alten Schlösser, Museen, Theater, Sakralbauten oder andere öffentliche Architektur wie Gerichte, Schulen und Rathäuser, es sind die Denkmäler, Brunnen oder Skulpturen, aber auch die alten Mietshäuser und Stadtvillen. All diese Architektur ist mehr oder weniger üppig verziert mit Ornamenten und  Symbolen, die Bezug nehmen zur Geschichte Deutschlands, zu seinen Mythen und zum Verlauf seiner Geschichte der letzten drei Jahrhunderte, in denen Berlin zu einem geschichtsträchtigen Ort wurde, Hauptstadt der deutschen Industrialisierung und des Deutschen Reiches nach 1871, mit nur geringen Bezügen auf das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“. Dieses hatte sich nach der Reformation schrittweise mit dem Dreissigjährigen Krieg und der Konfessionalisierung im späten sechszehnten Jahrhundert aufgelöst, faktisch jedoch erst 1806 durch Napoleon Bonaparte. In dieser Zeit war Berlin noch nahezu bedeutungslos geblieben, eine kleine Hansestadt, dann Residenzstadt, bis im achtzehnten  Jahrhundert der Aufstieg zur preussischen Garnissionsstadt und Hauptstadt, dann, im neunzehnten Jahrhundert, zur Industriemetropole und Hauptstadt des Reiches unter den Preussen und Hohenzollern gelang. Im weiteren Verlauf war der Aufstieg zur europäischen Metropole verbunden mit Nationalismus, (Welt-)Kriegen und Völkermord und der Zerstörung im Bombenkrieg, hiernach mit dem Wiederaufbau im Kalten Krieg und der Teilung durch eine Mauer in einen demokratischen Teil West-Berlin und in Ost-Berlin unter der Diktatur der DDR und des sovjetischen Totalitarismus.

 

All dieses manifestiert sich auf besondere Weise in dieser Stadt und die steingewordenen Mythen und Symbole stehen für die Geschichte Deutschlands und Berlins. Im Berliner Klassizismus erfüllt sich die Sehnsucht der Deutschen nach einer in der Antike wurzelnden Kultur, um sich in Mitten Europas zwischen den romanischen und den slawischen Sprachkulturen eine Geltung verschaffen zu können, gleich einem Parvenu. So diente der Rückgriff auf die Antike in der Architektur weniger der Repräsentation, als dem Versuch nachzuweisen, dass Deutschland in einer kulturellen Kontinuität stehe, die seinen Anspruch auf eine Führungsrolle in der Moderne begründen könne: „die deutsche Kulturnation, an deren Wesen die Welt genesen solle“ - und Kultur in diesem Sinne auch als gesellschaftliches Bindemittel, neben den nationalen Kriegen und als das Mittel die Deutschen zu Einen und  an die Weltspitze zu führen. Ein Ergebnis dieser übersteigerten und falschen Geschichtsinterpretationen waren die beiden Weltkriege und die Verbrechen, die im Namen des Deutschen Volkes begangen worden sind. Viele dieser geschichtlichen Fragen hat Jovan Balov ausgiebig untersucht, analysiert, in seine Konzepte eingegossen, um sie in eine künstlerische Form zu bringen.

 

In Skopje hat er zunächst Kunstgeschichte und Archäologie studiert, hiernach Malerei und sein Kunststudium hat er in Berlin an der Hochschule der Kunst fortgesetzt. Bereits als Archäologe hat er sich mit den Symbolen und Mythen der Antike und mit den kultischen und religiösen Wurzeln und Herleitungen in Skopje befasst. Berlin hat er sich auf vielen Spaziergängen erschlosssen, auf denen er aufmerksam die steinernen und bronzenen Zeugnisse der Geschichte wahrgenommen und mit seiner Kamera archiviert hat.

 

Jovan Balov arbeitet sich mithin analysierend durch die Kulturgeschichte zwischen Skopje und Berlin. Denkmale, Symbole, Zeitzeichen und Mythen, die in diesen Zeichen im Stadtraum verbunden sind, hat er zu  Gegenständen seiner Untersuchungen und zu den Themen seiner künstlerischen Arbeit gemacht. Die jeweilige Ikonografie bildet dabei den Hintergrund seines Wissens.

 

Die Synthese von Analyse, Konzeption und Kombination hat Jovan Balov zu Methoden seiner künstlerischen Arbeit in den letzten Jahren gemacht. Ob in dem Projekt „Zeichen und Seraphime“ von 2004, in dem er Engeldarstellungen im Mittelpunkt hat, oder in seinen Untersuchungen über Adler, über Portalskulpturen, geflügelte Gardisten, Pharaos, oder in „Ich und Berlin“, immer wieder legt er verschiedene Schichten von kulturellen Traditionen und seinen persönlichen Erfahrungen übereinander, immer auch im Vergleich zu seiner Heimatstadt Skopje und seinem Wohnort Berlin. Seine skulpturalen  Bilder gewinnt oder findet er auf seinen zahlreichen Spaziergängen durch Berlin, meistens eine Kamera bei sich führend, um alles für seine Arbeit zu archivieren. Aus diesem Archiv bedient er sich sodann für seine Kunstprojekte.

 

So nimmt auch das Kunstprojekt „Dem Deutschen Volke“ – Cyan – Magenta – Gelb“ Bezug zu Berlin und Deutschland. Gefunden hat er die Inschrift „Dem Deutschen Volke“ über dem Eingangsportal des Deutschen Reichstags. Er hat sie kombiniert, d.h. aufgesetzt in seinem Triptychon ist die Malerei einer Skulptur „Heiliger Georg im Kampf mit dem Drachen“ des Bildhauers August  Kiss, die im Nikolaiviertel in Berlin-Mitte steht.

 

Als Berlin 1871 Hauptstadt des Deutschen Reiches wurde, benötigte man in der Stadt ein repräsentativeres Gebäude für den Sitz des Parlaments. Deshalb wurde nach den Plänen von Paul Wallot in zehnjähriger Bauzeit von 1884 - 1894 das Gebäude für den Deutschen Reichstag erbaut. Die Idee zur Inschrift hatte der Architekt, jedoch fehlte die Schrift bei der Einweihung des Gebäudes. Die Sozialdemokraten vermuteten, dass Kaiser Wilhelm II. ihre Anbringung verhindert hatte. Ihn störte vieles: der Parlamentarismus, der Bau, der Architekt. Knapp 20 Jahre dauerte es, bis im August 1915 - mitten im Ersten Weltkrieg - das Thema wieder aktuell wurde. Ein Redakteur vom Leipziger Tageblatt meinte, die Anbringung würde das verbitterte Volk mit dem Kaiser versöhnen. Möglicherweise hat dieser Gedanke Wilhelm II. überzeugt.

Über die Gestaltung bzw. den Schrifttyp kam es dann zum Streit, bis der bekannte Berliner Architekt und Designer Peter Behrens den Schriftzug entwarf, der von der

seinerzeit renommierten Bronzegiesserei Loevy gegossen wurde. Der Kaiser stellte sogar zwei erbeutete Geschützrohre kostenlos zur Verfügung, damit Bronze für die Buchstaben gewonnen werden konnte. Weihnachten 1916 konnte die Inschrift dann am Reichstag angebracht werden. Sie überstand, wenn auch beschädigt, den Reichstagsbrand von 1933 und die Bombardierung Berlins und steht, inzwischen wiederhergestellt, stolz über dem restaurierten Portal des Reichstags. Die Firmeninhaber der Giesserei Loevy waren übrigens Juden. Bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, starben beide Prinzipale. Ihre Söhne übernahmen die Firma. Sie wurden nach 1933 von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet. Am 16. Oktober 2001 enthüllte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im Westeingang des Reichstagsgebäudes eine Gedenktafel für die Familie Loevy. Auf der Gedenktafel ist folgendes zu lesen:

Die Inschrift über dem Westportal des Reichstagsgebäudes "Dem Deutschen Volke" wurde Ende 1916 von der Berliner Bronzegießerei Albert und Siegfried Loevy (1856-1925, 1859-1936) angebracht. Deren Familien wurden - weil sie Juden waren - Opfer des Nationalsozialismus. Sie wurden verfolgt, enteignet und in Plötzensee, Theresienstadt und Auschwitz ermordet.

 

Jovan Balov hat sich mithin ein besonderes Bauwerk mit deutscher Geschichte vorgenommen. Der Reichstag ist ein überaus geschichtsträchtiges Bauwerk: vom Ausrufen der Republik durch Philipp Scheidemann 1918, über den Reichstagsbrand 1933 bis hin zum Hissen der sowjetischen Fahne zum Zeichen des Einmarsches der sowjetischen Truppen 1945, immer stand der Reichstag im Mittelpunkt des Geschehens. Nun ist er seit der Vereinigung von 1990 wieder Sitz des deutschen Parlaments.

 

Für sein Triptychon „Dem Deutschen Volke“ hat er den Giebel mit der Inschrift als Basis genommen. Das Postament am Reichstag mit der Inschrift „Dem Deutschen Volk“ über den Säulen druckte Jovan Balov auf Fahnenseide vom selbstgemachten Digitalfoto in den kühlen Computerfarben Cyan, Magenta und Gelb, nimmt ihm den Pathos durch diese Farbwahl nicht unerheblich und natürlich gewollt. Zugleich nimmt er dem gewaltigen Giebel seine Monumentalität, indem er ihn nach unten degradiert.

 

Die auf diese Giebelbasis des Reichstages aufgesetzte Malerei nach der Skulptur „Heiliger Georg im Kampf mit dem Drachen“, die Balov in der alten Mitte Berlins fand, hat neben dem Bezug auf Deutsche Mythen einen besonderen auf die Mythen in Ost-Europa, in der orthodoxen Kirche und zu seinem Heimatland Mazedonien.

 

Der christlichen Kirchengeschichte nach ist Georg ein Märtyrer im vierten Jahrhundert gewesen. Um den kleinasiatisch-syrischen Raum bildeten sich Legenden, die von unterschiedlichen Daten und Ereignissen berichten, jedoch als ihren Kern der Aussage die Grausamkeit der Folter haben und die Überwindung der Qualen Georgs durch seinen Glauben. Als während der Zeit der Kreuzzüge der Erzengel Michael, ein beliebter Schutzpatron, an Popularität verlor, wird dessen Eigenschaft des Drachentöters  auf Georg übertragen. Dies geschah mehr als ein halbes Jahrtausend nach der Verbreitung seiner Märtyrer-Legende. Da die Märtyrer-Legende mit dem Tod endet, wurde die Drachen-Legende vorangestellt. Die Drachen-Legende des Georgs von Kappadokien ist ähnlich verschiedenen Ritter-Märchen. Der Unterschied liegt hierbei in der Aussage. Georg rettet die jungfräuliche Königstochter vor einer Bestie, dem Drachen, indem er diesen tötet. Die Königstochter ist ein Opfer, das der Drache von der Bevölkerung fordert. Das Land ist nach der Tötung befreit und Georg rät zur Taufe. Diese wird im großen Stil veranlasst, in verschiedenen Versionen der Legende an einer unterschiedlich großen Menschenanzahl, die die Wirkung des Wunders verdeutlichen soll. Der Drachenkampf ist der mutige Kampf gegen das Böse. Im christlichen Zusammenhang lässt sich der Drache zumeist mit dem Teufel gleichsetzen.

Neben den beiden Hauptlegendensträngen, die im fortgeschrittenen Mittelalter gemeinsam die Lebensgeschichte Georgs bilden, gibt es weitere um ihn herum. Wichtig für die Ausbreitung des Georgkultes in christlichen Ländern ist die Einnahme Jerusalems durch das internationale Kreuzritterheer. Hierbei erscheint Georg als weißer Ritter und hilft bei der Einnahme der Stadt. Georg als weißer Ritter entstammt eventuell der georgischen Tradition.

 

Georg war ursprünglich ein Heiliger der östlichen Christenheit, ausgehend vom Vorderen Orient, Äthiopien und Ägypten. Im merowingischen Frankenreich ist die Georgsverehrung schon im 6. Jahrhundert bezeugt, die größte Popularität wurde Georg jedoch im hohen Mittelalter zuteil. Im Zeitalter der Kreuzzüge und des Rittertums verbreitete sich der Kult um den orientalischen Märtyrers zusehends. Georg wurde zum Schlachtenhelfer bei der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer, wurde als Soldat Christi zur Identifikationsfigur der Ritter und Krieger, zum Heiligen von Ritterorden wie dem gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstandenen Deutschen Orden oder den Templern. In den letzten Jahrhunderten des Mittelalters war Georg der Patron von Städten, Burgen, Herrscherhäusern. Die ritterlich-adligen Georgsbruderschaften des Spätmittelalters gehören ebenso hierher wie die Adaption Georgs durch das städtische Bürgertum.

 

Georg, der Märtyrer und Ritter, war - so die Ikonografie des Heiligen im späteren Mittelalter - versehen mit Palme, (abgebrochener) Lanze, Schwert und Schild, war der Siegbannerträger mit Fahne, der (reitende) Drachenkämpfer mit dem besiegten Drachen, dem Sinnbild des Bösen zu seinen Füßen; er galt als Ritter der Gottesmutter Maria auf Erden, dem im Übrigen der drachentötende Erzengel Michael im Himmel entsprach. Dabei dokumentiert die Verehrung Georgs als Heiliger vom passiven, schmerzleidenden Märtyrer zum Patron der Kriegsleute den Wechsel des Christentums von der pazifistischen Religion schlechthin, zur Religion der Kreuzzüge. Vermutlich übernahm Georg hier das Drachenattribut vom Erzengel Michael, der durch Misserfolge bei den Kreuzzügen an Popularität verloren hatte. Zwar wurde Georg auch schon vor den Kreuzzügen als Ritter dargestellt, doch verfestigte sich dieses Bild durch diese Ereignisse.

 

Die Skulptur „Heiliger Georg im Kampf mit dem Drachen“, die die Vorlage für Jovan Balovs Arbeit darstellt, befindet sich im Nikolaiviertel in der Mitte des alten Berlins. Der klassizistische Bildhauer August  Kiss konzipierte 1849 die Figuren als den Heiligen Michael (Schutzpatron der Deutschen) bei der Besiegung des Drachen (gescheiterte Revolution 1848/49) für den Prinzen Wilhelm zur Aufstellung im Park von dessen Schloss Babelsberg. Ab 1853 modellierte er eine Replik mit dem Heiligen Georg. Ursprünglich in der Mitte des ersten Schlosshofes aufgestellt, kam sie nach dem Abriss des Berliner  Stadtschlosses 1951 zunächst in den Volkspark Friedrichshain. In den achtziger Jahren restauriert, erhielt die Skulptur 1987 ihren heutigen Standort. Die monumentale Bronzearbeit auf einem roten Granitsockel zeigt den Heiligen Georg, den Schirmherrn der Ritter und Schutzpatron der Krankenhäuser, als jungen Ritter auf einem sich aufbäumenden Pferd. In der rechten Hand hält er ein erhobenes Schwert. Das Pferd schlägt die Vorderhufe in Richtung des angreifenden Drachen, der ihm die Krallen bereits in die Brust geschlagen hat.

 

All diese Mythen und Legenden aus dem östlichen, dem westlichen und dem deutschen Christentum und ihre vielfältigen künstlerischen Verarbeitungen sowie deren Ikonografien hat Jovan Balov für seine künstlerische Arbeit „Dem Deutschen Volke“ im wesentlichen analysiert. Er kommt beispielsweise zu dem Schluss, dass der Mythos vom Drachentöter in den Figuren des Erzengel Michaels, des heiligen Georgs und der germanischen Mythengestalt des Siegfried einen ähnlichen Hintergrund hat. In seinem Triptychon setzt er nun seine Malerei von diesem Denkmal in Berlin in drei Ansichten nach seinen Fotos über den Sockel der Reichtagsinschrift und dessen Giebel.

 

Seine Malerei legt er auf altweissem Grund, neutral auch als Farbe des Himmels, in schwarzem Acryl an. Er malt nach eigenen Digitalfotos, die er selbst aus verschiedenen Perspektiven von dem Denkmal angefertigt hat. Er hat dieses Denkmal mit der Kamera untersuchend umkreist. Seine Malerei ist eine Transformation der dreidimensionalen Skulptur in Malerei. Sie wirkt auf den ersten Blick zeichnerisch und nahezu naturalistisch. Auf den zweiten Blick jedoch erschliesst sich eine Lichtdramaturgie in seinen Abbildungen. Nach einer vorangegangenen Computeranalyse der Digitalfotos hat der Künstler nicht nur die Auswahl und den dramaturgischen Gehalt der Skulptur, sondern auch die drei Fotos nach ihrem interpretatorischen Gehalt für seine Dramaturgie ausgewählt. Durch bewusste Hervorhebungen, Akzentuierungen und Setzungen von Lichtpunkten, Schwärzungen und Weissanteilen verändert Jovan Balov seine Abbildungen der Skulptur, dramatisiert oder relativiert sie und erhöht dadurch ihren Bedeutungsgehalt. Aus der konkret abbildenden Malerei wird bewusste künstlerische Malerei mit den Erkenntnissen aus den Analysen des Künstlers.

 

Bei der Auswahl der drei Perspektiven des Denkmals legt sich Jovan Balov auf folgende Ansichten fest: In der Kombination mit dem Reichstagspostament in Gelb wählte er eine Vorderansicht der Skulptur, mit Georg auf dem aufgerichteten Pferd in Drohhaltung zu dem Drachen am Boden, der abwehrend mit aufgerichtetem Kopf eine krallenbewehrte Branke gegen die Brust des Pferdes hält. Der Drachenkopf und der Pferdekopf sind zueinander dramatisiert. Der Ritter mit dem erhobenen Schwert wird als bloss drohender entlarvt, denn die Haltung des Schwertes lässt den tödlichen Stoss so nicht zu.

 

Das Postament in Cyan ist kombiniert mit einer Rückenansicht Georgs. Der Drachenkopf ist hin zum Pferdekopf drohend aufgerichtet. Die Krallen sind an die Pferdebrust gerichtet und der Schwanz des Drachens um ein Pferdebein geschlungen. Die Akzentuierungen liegen in den Modellierungen der Körper, in den Hervorhebungen zur Komposition der Skulptur. Dem Drachenkopf sind zudem Augen überdeutlich eingeführt, die so in der Skulptur nur indirekt wahrnehmbar erscheinen.

 

Auf dem Postament in Magenta zeigt Jovan Balov die Skulptur seitlich. Weder Pferd, noch Reiter oder Drache sind konkret sichtbar. Eine grosse Dynamik wird hergestellt durch die Hervorhebung von Fahne, Schwert und Helmkreuz im Kopfteil der Malerei. Der Reiter Georg in Rückenansicht hingegen erscheint ruhig auf dem Pferd sitzend, das Pferd gar seitlich schwebend. Der Drachen ist nicht mehr konkret wahrnehmbar, könnte auch ein Kraken sein. Die blosse Drohgebährde Georgs zu dem Drachen lässt sich so nur als ewiger Kampf gegen das Böse ohne Sieger oder Besiegte interpretieren.

 

Gerade in dem Dreiklang des Triptychons zeigen diese Drohgebährden eine Kontinuität: der Drachen wird nie getötet, es ändert sich nichts, es bleibt die Angst, die Bedrohung, das Unberechenbare, es bleibt ein Teil von dem, welches man der deutschen Mentalität vielerorts zuschreibt: der Drache wird wohl nie besiegt. 

 

Die Interpretationen zur deutschen Geschichte sind in dieser Arbeit vielfältig. Sie geben einer kritischen Auseinandersetzung Raum. Jovan Balovs Triptychon ist in seiner Kombination überaus wirkungsmächtig, nicht zuletzt auch durch die Farbgebung der Postamente mit der titelgebenden Inschrift. In gut geschulter Maltechnik und der Umsetzung der Ergebnisse seiner Analysen und den daraus gewonnenen Konzepten erweist sich Jovan Balov als ein Künstler, der nicht nur seine Metiers beherrscht, sondern der auch alle Register für seine beabsichtigten Wirkungen ziehen kann.

  

Rolf Külz-Mackenzie, Berlin im Mai 2006

 

© Alle Rechte bei dem Autor, Berlin 2006

Zur uneingeschränkten Verwendung und Weitergabe

ausschliesslich an Jovan Balov weitergegeben durch den Autor.

 

 2 Belegexemplare erbeten an:

 Dr. Rolf Külz-Mackenzie

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