Home            Works            Exhibitions            Texts            Biography            Contact               Links

 Deutsch 

 Gabriel  

 

„BEGEGNUNG MIT DEM ENGEL“

Cvetan Grozdanov

 

Im christlichen und byzantinischen Stil haben in der bildlichen Thematik alle 

Figuren sind integraler Bestandteil einer jeden Kirche, von Mariä Verkündigung bis zum Jüngsten Gericht. Besonders der Zyklus des Erzengels Michael enthält zusätzliche Szenen, und unter den bekanntesten der Welt befinden sich diejenigen aus Makedonien aus den Klosterkirchen in Prilep und Lesnovo, die diesen gewidmet sind.

 

Zwei akademische Maler aus Skopje, Novica Trajkovski und Jovan Balov, haben in unserer Zeit unabhängig voneinander einen Teil ihres Schaffens genau dieser Thematik gewidmet. Sie sind talentierte und international anerkannte Künstler der jüngeren Generation, ehemalige Studenten der Fakultät für Bildende Künste, Schüler von D. Kondovski und A. Anastasov. Wir begrüßen heute ihren gemeinsamen Auftritt in der Offentlichkeit.

 

Als Künstler mit unterschiedlichen Ansätzen und unterschiedlicher Sensibilität, aber mit der sicheren und klaren Vorstellung, sich von der altmakedonischen Kunst inspirieren zu lassen, haben diese beiden Maler zweifellos eine Zukunft und einen Platz im künstlerischen Leben.

 

Novica Trajkovski, anerkannter Porträtist, hat die eruptive Kraft eines besonderen Künstlers. Er hat Visionen von einem direkten Dialog mit dem Engel, der unmittelbarer, konkreter Gesprächspartner des Autors ist. Trajkovskis Engel ist sein Wächter. Der Engel wurde entsprechend Paradigmen aus der Postrenaissance gebildet, stark, aber auch menschlich und nahe. Er ist die direkte Stimmer Gottes, was eine ungewöhnliche und neue Erscheinung in unserer Kunst ist.

 

Jovan Balov ist besessen von dem Engel aus Kurbinovo. Dieser ist eine besondere ergiebiger Herausforderung, weil der Kurbinovo - Engel ein Meisterwerk und eine Schutzfigur der europäischen und unserer Kunst aus dem 12. Jahrhundert ist. Balov hat in glücklich gefunden. Er variiert ihn in kompositioneller und farblicher Hinsicht und lotet seine Bedeutungen mit großer Intensität und persönlicher Sensibilität aus. Auf diese Weise zeigt Jovan Balov die un­fühlbaren Möglichkeiten seiner künstlerischen Transponierungen auf.

 

 

 

 

JOVAN BALOV GABRIELISCHE ENGEL

 Eric Boerner   

 

In jedem Kunstwerk finden wir eine Reihe von Aufgaben, die sich der Künstler gestellt hat. Die Lösungen dieser Aufgaben werden im Kunstwerk zu einer Einheit verschmolzen und sind danach ohne zerstörerische Eingriffe nicht mehr zu isolieren. Welche Aufgaben hat sich Jovan Balov im hier abgebildeten Kunstwerk gestellt?

 

Zuerst einmal entdecken wir die Abbilder eines Engels. Dieser entstammt den Fresken in einer mazedonischen Kirche und wird von exakt arbeitenden Kunstwissenschaftlern ziemlich genau ins 12. bis 17. Jahrhundert datiert, weshalb er einerseits ein Meisterwerk mittelalterlicher Kunst darstellen, andererseits aber auch das verzopfte Geschmiere eines barocken Neobyzantinismus sein könnte. Jedenfalls steht die Kirche in Mazedonien und Jovan Balov ist Mazedonier. 

 

Eine Aufgabe lautete also: Stelle eine Reminiszenz an deine Heimat her. Als nächstes sehen wir, dass sich der Engel ziemlich oft wiederholt. Rechenkundige kommen auf 90 Abbildungen. Alle Abbildungen sind gleich groß und umfassen den gleichen Bildausschnitt. Aha! Ein serielles Kunstwerk. Warhols Marilyn auf Engel Gabriel getrimmt. Wie man das eben heute so macht. Sogar staatliche Notenbanken machen das. Denn gerade dieser Engel findet sich auch auf 50 Denar-Scheinen, die in Mazedonien im Umlauf sind. Der bereits mit Seriennummern auf Banknoten bedachte Engel wurde von Balov noch einmal serialisiert.   

Aufgabe 2: Stelle ein ironisches serielles Kunstwerk her. Die Bilder sind in verschiedenen Farben grundiert. Es finden sich Blau, Gelb, Rot, Siena und Ocker, sowie Reinweiß und ein sehr dunkles, sich dem Schwarz annäherndes Grau (schließlich muss man den Engel noch erkennen können und da wäre reines Schwarz hinderlich). Den Kenner erinnert bei den drei Grundfarben sofort an Mondrians Forderung, nur solche in Bildern zu verwenden. Das Arrangement der Farbquadrate formt sich zudem zu großen Farbflächen. Aha! Konstruktivismus.  Aufgabe 3: Stelle ein konstruktivistisches Kunstwerk her. Unter den Hintergrundfarben finden sich aber auch Altweiß und Gold, Ocker und Siena. Vor Entdeckung des weißen Riesen waren frischgewaschene Wäsche und Leinwände eben nicht gar so Titanweiß wie heute, daher Altweiß. Und Gold ist die Farbe des Himmels in der Ikonenmalerei; des richtigen Himmels natürlich, dort wo Engel und Heilige wohnen. Und welcher hergelaufene malerische Professor denkt bei Ocker und Siena nicht sofort an sein Propädeutikum in florentinischer Renaissancerei, bei dem ihm die Studenten wegpennen.  Aufgabe 4: Stelle eine Reminiszenz an altweiße Malerei und goldene Ikonen her, die für italienische Dozenten Lehrstoff bedeutet, mit denen er sienagelbe Kurse für avancierte Einschlafübungen leiten kann; denn schließlich sind wir hier im Bereich bildender, aber nicht billiger Kunst. Wer sich diese kleine Heerschar von Engel Gabriels genau ansieht, wird feststellen, dass sie von einem markanten männlich - aggressiven  Ausdruck hin zu einem verfeinerten weiblich - zarten Ausdruck changieren. Engel sind in ihrem Geschlecht schwer erfassbar, andererseits verzichtet unsere heutige Gesellschaft ja auch immer stärker auf eindeutige Rollenfestlegungen.  

Aufgabe 5: Zeige die Übergänge in der Geschlechtsspezifik. Übrigens sind die Bilder mit Hilfe des Computers entstanden. Der Engel wurde rechentechnisch verfremdet, ausgedruckt und erst dann mit Hilfe eines Bildwerfers auf die grundierte Leinwand projiziert und mit wurstigen Fingern und feiner Hand vermittels eines Pinsels aufgemalt. Ein übliches Verfahren in der Computerkunst, um der unendlichen Kopierbarkeit einer Bilddatei zu entgehen. Aufgabe 6: Stelle ein Computerkunstwerk her. Die siebente Aufgabe ergibt sich allein schon aus der Anwesenheit von Engeln in einem Raum: es ist natürlich auch eine Stellungnahme zur Gläubigkeit in der heutigen Gesellschaft. Und da wir schon dabei sind: als ausrangierter Kommunist, der nie einer gewesen ist, aber in einem solchen Staat lebte, geht es dem Maler natürlich auch um die neue Losung: Engel statt Engels. Das aber ist keine Aufgabe, sondern Politik und die ist bekanntlich politisch und nicht ästhetisch.

 

Wenn wir diese magische Häufung von Aufgaben betrachten, erhalten wir so etwas wie ein kleines Kompendium moderner Kunst: Jovan Balovs »Engel Gabriel selbneunzig« ist Ausdruck eines nationalistisch-seriellen Konstruktivismus, der computertechnisch die geschlechtliche Glaubensfrage anhand postmoderner Zitate in einen Zusammenhang setzt. Und das ganze ohne Engels, wohlgemerkt, der solchen Jargon viel besser beherrschte! Dieses Kunstwerk ist eine eierlegende Wollmilchsau der Ästhetik, eine Casio-Taschenorgel, die gleichzeitig Rechner, Weckuhr und ein praktischer Rückenkratzer ist.

 

Und überraschenderweise finden sich alle diese heterogenen Elemente fast natürlich zusammen, fast so, als müsse das so sein. Jede als Aufgabenstellung vorkommende Kunstrichtung könnte dieses Werk für sich vereinnahmen, allerdings auf die Gefahr hin, dass die restlichen sechs Aufgaben heimlich ein ironisches Lachkonzert veranstalten. Durch die völlige Vereinnahmung von vielen heiligen Ziegelsteinen der modernen Kunst ist es Jovan Balov gelungen, eine Zwingburg des Ästhetischen zu errichten, die der von allen Seiten bestürmten Festung gleicht, in der ein Künstler sich heute befindet: niemandem kann er es recht machen, Ästhetiker, Politiker, Theoretiker und andere Normalos erheben Ansprüche oder Bemängeln das Fehlen ihrer momentanen Lieblingsrichtung. Folgt er den künstlerischen Moden und Anspruchshaltungen, ist der Künstler morgen schon überholt, distanziert er sich, interessiert es sowieso keinen.

 

Ich weiß nicht, ob es sich bei diesem Kunstwerk um ein Meisterwerk handelt. Das kann nur die Kunstgeschichte entscheiden. Dass es aber eine der derzeit besten Momentaufnahmen der modernen Kunst ist, ein Zeitbild par excellence also, dafür lege ich mein Gehirn ins Fegefeuer.

 

 

 

 

Engel haben Konjunktur

Sehenswerte Ausstellung im Atelier 21 - Neue Kunst aus Mazedonien

Annette Siffrin - Peters

 

Aachen. In schwierigen Zei­ten haben Engel Konjunktur. Die Ausstellung der beiden mazedonischen Künstler Jovan Balov und Ice Teodoslevski ist in diesem Jahr schon die zweite Präsentation zum Thema  „Engel“ in Aachen.

 

Zeitgenössische Kunst aus Maze­donien präsentiert das Atelier 21, Jülicher Straße 21, in der Ausstellung mit dem Titel Angel noch bis zum 9. September.

                       

Wurden die Besucher von Walter Dohmens Ausstellung in der Pfarrkirche St Peter im vergangenen Juni mit einem westlichen Verständnis der Thematik kon­frontiert, so nehmen die beiden mazedonischen Künstler Bezug auf ein Engel-Bild,. das von der. Kunst der Ost-Kirche geprägt ist. Gemeinsam ist allen Künstlern eine zeitgenössische Sicht auf das Thema.
                         

Jovan Balov (38), ein äußerst reflektiert arbeitender Künstler, zeigt eine Installation aus 60 quadratischen Gemälden, die alle das gleiche Portrait zeigen. Dabei handelt es sich um den Erzengel Gabriel, dessen Portrait aus dem Jahr 1187 der studierte Archäolo­ge und Kunstwissenschaftler bei Restaurationsarbeiten in der Kirche von Kurbinovo entdeckte. Balov, der zur Zeit in Berlin lebt, übersetzte die Ikonendarstellung in eine Malerei, die unterschiedli­che moderne Reproduktionstech­niken simuliert in der perma­nenten, manuell ausgeführten Reproduktion verändert sich in jedem der Bilder die Aura des Portraits

 

Der in Aachen lebende Künst­1er Ice Teodosievski (37) zeigt unter anderem eine Serie, der wie er sie nennt - ‚telepathischen Handies“. An den kleinformati­gen, von Kerzenlicht beleuchte­ten Bildinstallationen ist der Be­zug zur orthodoxen Ikonenmale­rei sehr deutlich ablesbar. Theodosievski Thema ist dabei die Verbindung moderner Tech­nologie  mit christlicher Spiritualität.

 

01.10.1999 Aachen