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 Deutsch 

 Gelobtes Land

 

Nürnberger Zeitung, 20.06.2004

FEUILLETON                                                       NZ Nr. 137 – Seite 27

 

Makedonien,  welches Makedonien?

Die Ausstellung „Das gelobte Land“ zeigt im Kunsthaus vier Visionen vom Balkan

von Chnstian Mückl

 

Makedonien liegt im Balkan, das gelobte Land in der Bibel - zusammen führt das nun im Kunsthaus Nürnberg zu einer Vision. Zumindest für die vier mazedonischen Künstler, die unter dem Titel ,,Das gelobte Land" ausstellen. Sie versuchen, eine Beziehung zwischen der Geschichte, der Geographie und der Kunst ihrer Heimat herzustellen. Mit der Bibel hat das nur bedingt zu tun, mit der biblischen Hoffnung auf eine bessere Zukunft hingegen sehr viel mehr. Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum von Nürnbergs Partnerstadt Skopje und dem hiesigen Amt für Internationale Beziehungen zustande gekommen.

 

Makedonien, welches Makedonien? Eine grundlegende Frage tippt Jovan Balov mit seiner Wandarbeit an, mit der er aktuelle, von den Regierungen der Balkanstaaten herausgegebene

Karten nebeneinander hängt. Und Erstaunliches augenfällig macht: Die Grenzen Albaniens verlaufen etwa nach albanischer Sicht ganz anders ais nach Auffassung der Nachbarländer. Die aber mit den eigenen Grenzen kartografisch kaum anders verfahren - Griechenland tut zum Beispiel nach wie vor so, ais würde auch der westliche Teil der Türkei von Athen aus regiert - und Istanbul heißt im Jahr 2004 Konstantinopel. Nichtsdestotrotz mait Künstler Balov Hoffnungs-Engel drüber, schreibt ,,Ich wohne m Berlin" darunter und führt in einem Video Fahnen-Tänze mit den Flaggen der Balkan-Staaten auf. Kritisch darf die Kunst gern sein. Aber wie viel Pathos packt sie? Und wie viel davon erträgt das ,,Gelobte Land"? Stiller und diffiziler liegt eine Arbeit von Ismet Ramicevic da. Zu einer Art mazedonischem Volksteppich hat der Künstler das Papier von Tageszeitungen in Rollen aneinandergeklebt - Seiten voller politischer Nachrichten, verwoben zu einem Formenfeld von feiner Poesie.

 

Wie stark in Südosteuropa der harte Kontrast zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist, davon erzählen auch die Werke von Zaneta Vangeli und Jovan Sumkovski. Vangeli stellt ein Video voller Soldatenbilder einer mit fluoreszierendem Blau bestrichenen Sehnsuchtsplastik gegenüber.

 

Nachhaltig durchwirkt eine dunkles Ensemble von Jovan Sumkovski den Raum: Ein Panzerketten-Feld, das Makedonien ais geografisches Gebilde nachzeichnet, ist umringt von Spiegeln. Sie sind schwarz.

 

Chnstian Mückl

 

Nürnberger Zeitung, 20.06.2004

 

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NÜRNBERGER NACHRICHTEN  22.6.2004 

KULTUR – ÜBERREGIONAL

 


Patina auf den Panzerketten

Das Metall der Panzerketten hat bereits Patina angesetzt – doch hoffnungsfroh wirkt das Länderporträt Mazedoniens das Jovan Sumkovski in seiner Installation im Nürnberger KUNSTHAUS zeichnet, dennoch nicht: Zwar ist der Kreig auf dem Balkan vorbei, der Blick in die Zukunft – zumindest in Sumkovkis Sicht – aber düster: Um das Metallfeld, das er in Form der Landesgrenzen Mazedoniensauf dem Boden ausgelegt hat, stehen dunkle Spiegel. Zwischen Vergangenheitsbewältigung, Zukunftsvisionen und der Nachkiegs-Realität in ihrem Land bewegen sich die Beiträge von vier mazedonischen Künstlern, die auf Initiative des Kulturzentrums von Nürnbergs Partnerstadt Skopje und dem Amt für Internationale Beziehungen der Stzadt Nürnberg im KUNSTHAUS ausstellen. Ein interessantes Gastspiel, allerdimngs mit wenig Information über die Künstler und ihre Heimat.
Die künstlerischen Annäherungen an "Das gelobte Land", so der Ausstellungstitel, fallen sehr unterschiedlich aus: Zwischen Analyse und Pathos bewegt sich Jovan Balovs Arbeit: In einem Film schwenkt er als heroischer Fahnenträger abwechselnd die Flaggen Mazedoniens und seiner Nachbarn unter einem riesigen Kreuz – eine Geste mit vielfacher Symbolik zwischen Besitzstandswahrung und Anspruchdenken, Nationalismus und multikultureller Integration. Wandfüllend präsentiert Balov fünf aktuelle Landkarten des Balkans, di eje nach der Nation , die sie herausgegeben hat, augenfällige Unterschiede in den Grenzverläfen offenbart. "Wie kann man ruhig schlafen, wenn alle Nachbarn andere Pläne haben", sagt Jovan Balov, der jedoch – was er in seiner Arbeit nicht verschweigt – schon lange in Deutschland lebt. " Ich wohne in Berlin" steht unter den staatspolitischen Landkarten-Varianten, darüber schweben gemalte Engel – als Hofnungsspender?
Stiller, diffiziler und poetischer ist die Bodenarbeit von Ismet Ramicevik: Ein meterlanger Papierteppich, zusammengeklebt aus dünnen Röllchen Zeitungspapier, an die traditionellen mazedonischen Volksdecken erinnert. Dazu spielt mazedonische Musik aus einem Recorder zum imaginären Tanz auf dem papiernen Läufer.
Bei Zaneta Vangelis ist das gelobte Land balu. Sein Relief Mazedoniens erhebt sich als leuchtende ultramarine Sehnsuchtsinsel vor dem Hintergrund der Realität: Auf einer Großleinwand fahren Panzer auf – Dokumaterial aus dem Jahr 2001 in Bild und Ton.


"Wenn ein Schiff untergeht, sind die Künstler die ertsen, die zurückkommen", sagt Balov und erklärt so die vielfach politisch engagierte Kunst in seiner Heimat. Die Zukunft der Künstler sieht er in Europa. Und Emil Alexiev, Direkto rdes Musuems für Moderne Kunst in Mazedonien und Kurator der Ausstellung, stellt fest: "Die Europäische Union ist für uns jetzt das gelobte Land".

 

 

BIRGIT RUF
NÜRNBERGER NACHRICHTEN  22.6.2004 

 

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Abenzeitung Nürnberg, 19./20. juni 2004

Flagge zeigen für die Liebe zu Europa

Geschichte ist ein Fleckerteppich aus einzelnen Geschichten. Von welch unterschiedlichen Ereignissen sie erzählen mögen, zusammen ergeben sie das Bild einer Gesellschsft. Ismet Ramicevik hat mit einem aus aufgerollten Zeitungsseiten gewobenen Teppich ein Werk von unaufdringlicher Symbolkraft geschaffen. Das in seiner Schlichtheit wohl beeindruckendste der empfehlenswerten Ausstellung mazedonischer Künstler im Nürnberger KUNST

"Gelobtes Land" nennen die Kuratoren vom Museum für Moderne Kunst in Mazedonien und vom Stadtmusuem und Kulturzentrum Skopje diese Ausstellung, die den Nürnbergern einen Eindruck vermittelt von der Gefülslage der Bewohner ihrer Partnerstadt Skopje, den Mazedonieren insgesamt. Auf dem Weg in das wohl immer in weiter Ferne liegende "gelobte Land" haben sie einen langen, leidvollen Weg hinter sich.

Die wechselvolle Geschichte Mazedoniens und die unterschiedlichen Auffassungen darüber, wem auf dem Balkan was gehört, spiegelt sich in den Reproduktionen politishcer Landkarten des Balkans wider, wie sie in Schulbüchern Griechenlands, Mazedoniens, Bulgariens, Serbiens und Albaniens erscheinen. Jovan Balov zeigt sie zusammen mit Gemälden jener Skulptur, die nach dem Krieg als einzige von der Berliner Domkathedrale übrig blieb. Für den in Berlin lebenden Künstler ein Symbol des Überlebens. Und als Ausdrcuk seiner Überzeugung, dass der Balkan eine Zukunft hat, möchte Balov auch sein Video "Barbarogenie" oder "Verliebt in Europa" verstanden wissen. Es zeigt ihn, wie er – vor dem auf einem Hügel Skopjes errichteten – höchsten Kreuz Europas die flaggen der fünf Länder über die Stadt schwenkt.

Dass Mazedonien vor wenigen Jahren am Rande eines Bürgerkrieges stand, ist eien Realität, die in den Werken von Jovan Sumkovski und Zaneta Vangeli mit dem Traum vom gelobten Land konfrontiert wird. Bei Sumkovski drückt sich das in einer Panzerkette aus, die von dunklen Kunstharzspiegeln umgeben ist, in die persönliche Elemente – etwa ein Portrait – eingeschlossen sind. Bei Vangeli in einem Video über die Entwaffnung der Kriegsgegner durch Blauhelm-Soldaten, das er einer stillen, ganz in blau gehaltenen Arbeit aus Gemälde und Landkartenrelief Mazedoniens gegenüberstellt.

Ute Maucher, Abenzeitung Nürnberg 19./20. juni 2004

 

 

 www.kunsthaus-nuernberg.de