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 Foreign Visions

 

FOREIGN VISIONS

Einblicke von Außen

Elke Schwab   

 

Multimediale Auseinandersetzung mit  klassischen Sujets

Aktuelle Positionen von Künstlern aus Makedonien und Rußland

 

Zwei Künstler aus Makedonien im Dialog mit zwei Künstlern aus Rußland in der deutschen Hauptstadt Berlin - mit diesem Projekt unterstreicht die junge Republik Makedonien ihre Präsenz in der internationalen Kunstszene.

 

Jovan Balov lebt in Berlin, sein Landsmann  Novica Trajkovski in Skopje. Ihr gemeinsames Projekt  "Duell" ist ein Dialog in Form von Malerei, Fotografie und Videoart. In den Arbeiten Trajkowskis dominiert das Bild des Kreuzes,  eine Reflexion über die politische Situation in seiner Heimat. Es ist seine erste große Ausstellung in Deutschland. Die Malerei von Jovan Balov  verbindet die Skulpturen von Karl Friedrich Schinkel auf der Schloßbrücke in Berlin mit neoklassizistischen Stoffen. Ihnen stellt er großformatige Fotografien von makedonischen Soldaten gegenüber, die  als maskierte Krieger posieren.

 

Genia Chef und Olga Tobreluts stammen aus Rußland. Genia Chef lebt in Berlin, Olga Tobreluts in Sankt Petersburg. Tobreluts Arbeiten sind  Computermodifikationen alter griechischer Skulpturen, die durch digitale Bearbeitung zu modernen Helden werden. Sie ist eine Vertreterin der Novaja Akademija in St.Petersburg. Auch Genia Chef steht in engem Kontakt zu dieser Kunstrichtung. Sein Triptychon "Millenium" und eine Installation aus dreidimensionalen  Computerpanoramen sind digitale Interpretationen des klassischen Themas "Danse de la Mort".

Ausstellungseröffnung: 17.1.2003, 19.00 Uhr, Stiftung Starke

 

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"RISS"

Emil Aleksiev

Direktor des Museums für Zeitgenössische Kunst, Skopje, Makedonien

   

Alles ,was um uns herum ist,

ist ein Teil des Kristall der Erinnerung,

der die ganze Welt ist,

dunkel und unendlich sind seine Korridore.

  

Borges, Everness, aus "Verschieden, gleich", 1964

 

Es geschieht etwas Merkwürdiges hier im Berliner Löwenpalais.

 

Es gibt hier eine Strasse, wie in jeder Stadt - ein Labyrinth, das zu etwas Unbekanntem führt, aber man kann es nur in einigen besonderen Augenblicken entdecken. Die Schritte eines Menschens umreissen, von dem Tag seiner Geburt bis zu dem Tag seines Todes, eine jede Vorstellung übersteigende unvorstellbare geometrische Form in der Zeit, und alles, was jeder Einzelne tun sollte, ist, von der alltäglichen Marschroute abzuweichen und aus Scheingewohnheiten auszubrechen.

 

Es gibt auch Orte wo Raum und Zeit so verkrümmt sind, daß sie einen Riss bilden. Vielleicht wie ein Brunnen, auf dessen Boden ein Spiegel aufblitzt oder ein offener Abgrund, der sich verbreitert, wie es einmal der Abgrund des Forum Romanum tat,  als  ein römischer Krieger hineingeworfen wurde, bewaffnet, sein Pferd reitend, und der sich hinter ihm wieder schloß. Stellen Sie sich einen riesigen dunklen Riss vor, genau hier in Berlin, unendlich weit, derselbe Riss, in den sich der mutige Krieger Curtie kopfüber hinabstürzte.

Drinnen werden Sie ohne Zweifel die Ruinen der Kaiserpaläste erblicken, der Tempel, der Marmorsäulen, der Statuen. Sie werden Armeen in ihren glänzenden Panzern und ihre gehissten Flaggen sehen. Sie werden uralte Götter und Halbgötter sehen und die Schellen der Priester hören, die Kriegertrompeten und die Stimmen derjenigen, die schon längst nicht mehr unter uns weilen. Trotzdem wird der Riss nicht nur den Abgrund offen halten, er wird gleichzeitig auch die gegenüberliegenden Seiten miteinander verbinden.

 

Die Distorsionen von Zeit und Raum existieren überall um euch herum. Auf den Strassen wandernd, werden Sie vielleicht den versteckten Ort zu einem Übergang entdecken, der wiederum zu einer anderen bindenden Wirklichkeit führt. So ein vergänglicher und wankelmütiger Ort ist die Stiftung Starke im Berliner Löwenpalais, wo die Werke der Künstler Olga Tobreluts, Genia Chef, Jovan Balov und Novica Trajkovski ausgestellt sind.

 

In Genia Chefs Panoramabildern öffnet sich die schwindelerregende Perspektive eines verschobenen Raumes und einer raubsüchtigen Zeit (Hölderlins raubsüchtige Zeit stiehlt die Dinge durch ihren Wirbel und wirft sie vor die Füße des Engels der Geschichte, der starr vor den Ruinen steht), in der ein Vagabund, der heutzutage durch den Untergrund der Berliner U-Bahn wandelt. als imaginärer Tourist die historischen Ehren- und Machtdenkmäler besucht.

 

Olga Tobreluts hat die antiken Götterskulpturen in Modelle zeitgenössischer moderner Modedesigner gekleidet.

 

Jovan Balov hat die ewigen Marmorskulpturen der gestorbenen Krieger der Berliner Brücken auf verführerischem Stoff und die Fotos der makedonischen Soldaten, die am letztem Krieg teilgenommen haben, miteinander verbunden.

 

Novica Trajkovski führt uns in einen  Raum der Transzendenz voller Vibrationen, wo sich hinter jedem Zeichen des Kreuzes im Schatten ein Geheimengel versteckt, hinter dem das Unbekannte zu spüren ist.

 

Weitweg vom Alltagsleben  werden Sie Engel sehen, die für gewisse Zeit den Himmel über Berlin bewohnen (Trajkovski). Uralte Götter, die sich unerwartet entschlossen haben, in unsere Welt zurückzukehren, schick angezogen, um uns zu verführen, wie in einem Alptraum oder in einer Borgesgeschichte (Tobreluts). Krieger, die ins Leben zurückgerufen wurden, die wieder blutend sterben, versteinert auf den Berliner Brücken (Balov). Ein Berliner Bettler, der durchdie Welt der dunklen Phantasien von Tiberius und Adolf Hitler wandert  (Chef). Dieser Vagabund, der ohne das Recht zu haben, in die Träume der Mächtigen  eingezogen ist, zeigt uns den Weg zum offenen Abgrund der Imagination, wo unter dem Druck der schaurigen Mächte, die in der Hölle herrschen, alles in ein Kristall umgewandelt wird. Wenn sich alles auf ein Kristall beschränkt, dann entspricht die ganze Verschiedenheit der Welten der begrenzten Zahl der Seiten dieses Polyeders. Seiten mit scharfen Kanten, wo sich die Geschichte des Ewigen Bettlers (Chef), des Ewigen Kriegers (Balov), der Götter (Tobreluts) und der Engel (Trajkovski) spiegelt, die uns hinter einem blutroten Vorhang, hinter all diesen Symbolen, auflauern.

 

Vielleicht stimmt die Vermutung von Schopenhauer und Berkeley, daß die Wirklichkeit nur eine Tätigkeit der Seele ist.

 

Hier in Berlin haben Sie unerwartet die Gelegenheit, das unbewegliche und gruselige Museum platonischer Archetypen zu besichtigen. In diesem himmlischen Theatrum Polydicticum (oder der Welt der ewigen Ideen) erwarten Sie der Vagabund, der Krieger, der Engel und der Gott. In ihnen werden Sie alle Vagabunden, Krieger, Engel und Götter erkennen.

Alles um uns herum ist ein Teil des Kristalls der Erinnerung, der die ganze Welt ist, welche in ihm gebrochen wird: alle Länder, alle Gebirge, Meere und Flüsse, alle dunklen Wälder, alle staubigen Wege und alle Passagiere, die verreisen, beladen mit Bussole, Kompass, Sextant, Astrolabium, Globus, Mappen, Fahrplänen, astronomischen Landkarten, alle Orte, die sie besucht haben, alle Städte und Paläste, alle Tempel der Götter, die uns schon längst verlassen haben mit ihren Marmorsäulen und Statuen, alle Armeen in ihren glänzenden Panzern und mit ihren gehissten Flaggen, alle Kriege, alle Kämpfe, alle Kriegsfelder mit Pyramiden von Leichen, der ganze Himmel über ihnen, alle Nächte und alle Sterne.

All das finden Sie hier, alle Geheimnisse der Welt und alle einfachen und alltäglichen Dinge.

Hier haben Sie die beängstigende Einfachkeit und Verschiedenheit der Welt. Sie haben Engel, uralte Götter und Krieger gesehen, die auf ihren Händen sterben, und zum Schluß einen Vagabunden, der Sie auf seiner imaginäre Reise durch weite und unbekannte Gebiete führt, mit dem schnellen Zug der Untergrundbahn deren Stationen in den Fahrplänen nicht angegeben sind.

 

  Aber die Besichtigung dieses Museums der Ewigkeit ist nicht so einfach. Jemand versucht hier städnig, in einen dunklen Tempel hineinzukommen. Jemand versucht, wer weiss zum wievielten Mal,  umsonst das große Kreuz zu erreichen, das den Himmel über dem hohen Berg zerrissen hat. Hier wurde Ihnen eine Falle gestellt ,und Sie sind in diesem Kristalllabyrinth aus Spiegeln und Spiegelungen gefangen.

 

Marc Aurel sagte einst, daß jeder beliebige Zeitabschnitt der Geschichte - ein Jahrhundert, ein Jahr oder eine einzige Nacht - diese vielleicht ungreifbare Wirklichkeit oder diesen unwiederholbaren Augenblick, die gesamte Geschichte umfasst.

 

Der Glaube an solch eine Wahrheit hat Schopenhauer in seinem Buch "Paregra und Paralipomena" bewogen, die Geschichte mit einem Kaleidoskop zu vergleichen, in dem die Gesichter wechseln, aber nicht die bunten Glasstücke. Er glaubte, daß die Geschichte ein unendlicher und verwirrender Traum der Menschheit ist. Ein Traum, den wir alle träumen,  vielleicht existiert ja auch nur ein einziger Mensch, der vom Anfang der Welt bis heute uns alle erträumt hat.

 

Falls die Welt der Traum von jemandem ist ,und wenn dieser jemand existiert, der heutzutage von uns und der Geschichte des Universums träumt, dann träumt er genauso, wie die Schule des Idealismus lehrt, die Vernichtung der Religionen und Künste, die Verbrennung der Bibliotheken. Dies ist nicht wichtiger als etwa die Zerstörung eines Möbelstücks im Traum von jemandem. Die Seele, die von ihnen geträumt hat, wird von ihnen weiterträumen. Solange, wie die Seele träumt, geht nichts verloren, sagt Borges.

 

Deswegen, wenn Sie von hier herauskommen, träumen Sie in Ihrem Alltagsleben auf den Straßen weiter, genauso wie das Olga Tobreluts, Genia Chef, Jovan Balov und Novica Trajkovski machen.

 

Man weiß nie, wer von uns unsere Welt erträumt.

 

Emil Aleksiev

Direktor des Museums für Zeitgenössische Kunst, Skopje, Makedonien