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 Deutsch 

 09.05.01.Berlin 

 

Prof. Dr. Olav Münzberg

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Grosswerbung für den Beginn der Serie „Hitlers langer Schatten“  in Deutschland Der makedonische Künstler Jovan Balov:

Farbfotos des Covers mit „Gröfaz“ in Berlin in Deutschlands Hauptstadt

 

Bei diesen Farbfotos aus den Augen des makedonischen Künstlers Jovan Balov, an dessen Land gerade der bittere Kelch eines Bürgerkrieges mit dem albanischen Teil der Bevölkerung mit Hilfe der Europäischen Union vorbeigeht, könnte man meinen, er sähe in Deutschland den Faschismus wiederauferstehen.

Denn in der Weise sind die Bilder komponiert, dass immer dasselbe Motiv sich wiederholt, in diesem Falle Hitler, der im Straßenbild der Stadt Berlin in Form eines Werbeplakates auftaucht. An allen Ecken und Ampeln, U-Bahn Eingängen und Ausgängen. Den Arm zum Gruss gereckt, zum „Heil“ für Euch, die ihr da im Jahre 2001 daherkommt. Der „Führer“ grüßt wieder die Bevölkerung von Deutschland, von den Plakatwänden und Plakatsäulen her. Ich behaupte, die Mehrheit der Bevölkerung hat diesen Gruss gar nicht wahrgenommen, weil die Mehrheit das beste politische Magazin des Landes gar nicht liest, obwohl es gut daran täte, es zu lesen, und auch das Magazin durch eine Werbekampagne mit mittelgrossen Plakaten die Erhöhung ihres Absatzes nicht schafft.

Der Künstler weiss das.

 

Er hat keine platten Formeln für das Land und folgt auch nicht immer wieder aufgeblasenen Bildern und Forderungen, die teilweise in anderen Staaten gepflegt werden, etwa von Deutschland die Hände und Füsse zu lassen. Deutschland weder zu betreten noch anzuschauen noch sich mit dem Land in seiner Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. Derartige Positionen gibt es überall in Europa und über Europa hinaus. Aber die Positionen, die in vielen Ländern die Mehrheit darstellen, haben Deutschland nach 1945 wieder eine Chance gegeben.

Die Nachkriegsdemokratie der Bundesrepublik und das mit der Ex-DDR vereinigte neue Deutschland haben bisher diese Chance genutzt und neues Vertrauen geschaffen, was nicht heisst, dass man es nicht auch wieder verlieren kann.

Der Künstler interessiert sich für Überreste der Existenz des Faschismus in Deutschland, für optische Überreste. Vielleicht ist er erstaunt, wie Deutschland mit Bildern von Hitler in der Öffentlichkeit umgeht. Seine Fotos halten einen Augenblick der Geschichte des Landes fest, in der das älteste und grösste Nachrichtenmagazin an den Faschismus und an neonazistische Bewegungen mit dem Titel „ Hitlers langer Schatten“ erinnert.

Sieben Tage später erscheint schon wieder ein neuer Titel. Die Plakate kleben vier bis fünf Tage und werden dann entfernt oder von anderen überdeckt.

 

Dies kurze Spanne der Präsenz bestimmt auch die Sache: der lange Schatten ist da, aber auch gleich wieder weg. Beide Aussagen sind richtig. Aber Streit bricht aus, wenn man sich fragt:

was versteht man unter des „Gröfazes“ langem Schatten?

 

„Gröfaz“, der grösste Führer aller Zeiten, wie ihn viele Deutsche zwischen 1933 und 1945 verächtlich und zugleich von Furcht geprägt nannten. Der Körper ist weg, aber da ist noch der Schatten, obwohl die Logik sich gegen eine solche Satzbildung sträubt. Denn ein Schatten - im Sinne von Bewusstseinsresten des Faschismus, kann nicht mehr da sein, wenn kein Körper mehr vorhanden ist. Wo kein Körper, da kein Schatten. Oder meint Schatten: Deutschland ist gezwungen, sich immer wieder von Zeit zu Zeit mit dem Faschismus als einem Teil der Vergangenheit auseinander zu setzen? „Erinnern, wiederholen, durcharbeiten“, wie Sigmund Freud dies für psychologische Sondernhänomene der menschlichen Existenz immer wieder als notwendige Form der Verarbeitung anmahnte, wenn man nicht auf der Stelle stehen bleiben oder gar regredieren will.

 

Die Konstellation ist wichtig, das weiss der Künstler. Ihn interessieren die Reaktionen von Menschen auf dieses Plakat, wenn es und insofern es ihnen plötzlich im Alltag entgegenkommt. Regen sie sich auf? Zucken sie zusammen? Oder lässt sie das Plakat gleichgültig, weil das Wissen, dass dieser furchtbare Spuk der Geschichte vorbei ist, mächtiger ist als alle Zweifel am Rechtstaat Deutschland, wie er sich nach der Verfassung nennt und durchgesetzt hat.

Das Interesse des Künstlers Jovan Balov aus einem anderen Land ist legitim, insofern er fragt:

wie rechtstaatlich ist dieses Land? Wie weit hat es sich vom Faschismus entfernt und neue Grundlägen eines zivilen Zusammenlebens gelegt, so dass der Schatten eben nur Schatten und nichts weiter, also keinen Körner mehr hat.

Die Vorstellung, der Künstler suche partout um Bestätigung, hier sei mehr als nur Schatten, und knoble sich Bilder zusammen und biege einen Gedanken durch Addieren und Vervielfältigen zu einem Tatbestand um, diese Vorstellung könnte nur jemand fassen, der sich von Vorurteilen, egal welchen, sich grundsätzlich nicht befreien kann.

Der Künstler aber ist, wenn er Künstler genannt werden kann, eine Figur, die weder aus Vorurteilen handelt noch aus seiner Verantwortung heraus welche erschafft. Den Künstler hier regt natürlich der Faschismus auf. Selbst als Bild hat er noch etwas Bedrohliches. Er will ausfindig machen: wie reagiert heute ein Bürger auf ein solches Bild? Auf Bedrohliches, gerade weil die Bedrohung damals von 1933 — 45 für 55 Millionen Menschen letztendlich furchtbare Wirklichkeit wurde und die Auslöschung ihres Lebens bedeutete. Und für das Sechs- bis Zehnfache dieser Zahl Verletzungen des Körners und der Seele, zum Teil ein Leben lang — den Granatsplitter im Kopf oder das Trauma der Bilder in der schweissgebadeten Nacht.

 

Die Asthetik des Grauens wirft lange Schatten. In der Demokratie hat sie sich zu Mahnmalen verwandelt. Denn dann würde der Schrecken für die Zukunft geworden sein: ein positives, wenn auch immer wieder schwer zu tragendes Zeichen.

 

Berlin den 3.9.200 1